Publikum als visuelles Element: Inszenierung von Crowd-Effekten bei Live-Musik

Heute geht es bei Live-Shows nicht mehr nur um das, was auf der Bühne passiert. Das Publikum wird auch in die visuelle Gestaltung einbezogen und die Showfläche bis in die hintersten Reihen erweitert. Mit modernen Licht-, Video- und Funksystemen werden große Menschenmengen wie eine Projektionsfläche benutzt. Muster, Farben und Bewegungen werden dabei genau geplant.


Von Bühnenlicht zu Crowd-Visuals

In der Vergangenheit fokussierte sich die Konzertbeleuchtung in erster Linie auf die Ausleuchtung der Bühne und die Sichtbarkeit der Künstler. Durch die Verwendung leistungsfähiger Moving Lights, Laser und LED-Systeme rückte der Zuschauerraum durch Publikumsscans, Blinder oder farbige Flächenbeleuchtung stärker in den Fokus. In der heutigen Zeit werden die Zuschauerbereiche gezielt als “zweite Leinwand” geplant. Zu diesem Zweck werden zonenweise ansteuerbare Publikumslichter, die Architekturbeleuchtung von Tribünen und Oberrängen sowie Medienserver eingesetzt. Letztere stellen vorprogrammierte Looks und Timecode-Sequenzen bereit. Dabei ist es wichtig, dass Lichtdesign, Show-Calling und Ton genau abgestimmt sind. So können die visuellen Effekte zur Musik gleichzeitig ablaufen

Wearables als Teil der Lichtregie

Ein zentrales Werkzeug für Crowd-Effekte sind leuchtende Wearables, die vor Beginn der Show verteilt oder an den Einlass gekoppelt werden und im Saal eine Vielzahl adressierbarer Lichtquellen bilden. Die Steuerung kann je nach System nach Farbgruppen, Sitzblöcken oder sogar nahezu einzeln durch Funkempfänger und DMX- oder Art-Net-Anbindung ermöglicht werden. Dadurch werden Wellenbewegungen, Laufschriften oder gezielte Akzentuierungen möglich.

In der Praxis erweist sich die technische Planung als deutlich komplexer, als es dem Publikum erscheint. Basisstationen müssen im Hochfrequenz-Design auf Reichweite, Latenz und Störsicherheit geprüft werden, während Controller und Lichtpulte passende Universen, Szenen und Cues bereitstellen. Für die technische Planung sind die genutzten Funkfrequenzen, die Struktur der Steuerstrecken und die konkrete Ansteuerung der Leuchtarmbänder von Bedeutung, da sie darüber entscheiden, wie zuverlässig Signale im Zuschauerraum verteilt werden können.

Wie Muster Geschichten erzählen

Crowd-Effekte entfalten ihre Wirkung insbesondere, wenn sie dramaturgisch geplant sind. In vielen Fällen wird eine Show daher mit dezenten Akzenten im Publikum begonnen, um den Zuschauern die Orientierung zu erleichtern und ihre Wahrnehmung zu schärfen. Bei vielen Produktionen werden bestimmte Punkte im Set genutzt, um mithilfe von Bildern in der Menge bestimmte musikalische Momente hervorzuheben. Dazu gehören Drops, Modulationen oder Refrains. Dabei wird die gesamte Arena für einige Sekunden einfarbig oder in den Farben der Band. In Kombination mit Pyrotechnik, CO₂-Effekten oder Videoinhalten entsteht so eine dichte visuelle Klammer, die das Geschehen auf der Bühne und im Publikum verbindet.​

Einbindung des Publikums jenseits von Licht

Crowd-Effekte dienen nicht nur der visuellen Gestaltung, sondern können auch die Interaktion strukturieren. Bestimmte Systeme gestatten die Einrichtung unkomplizierter Rückkanäle, die auf kollektive Interaktionen wie Klatschen oder Lautstärkepegel reagieren. Andere wiederum integrieren die Technologie in Ticketing- oder Zutrittskontrollsysteme, wobei Wearables als multifunktionale Einlassmedien, Altersnachweise oder Zahlungsmittel dienen. Auf dieser Grundlage werden datengestützte Auswertungen zu Aufenthaltsdauer, Publikumsverteilung oder Reaktionen auf Programmpunkte erstellt. Diese geben Veranstaltern wertvolle Hinweise für die Gestaltung künftiger Setlists und die Entscheidungsfindung in Produktionsfragen. ​

Sicherheit, Normen und Verantwortlichkeiten

In Bereichen, in denen große Menschenmengen mit intensiven Lichteffekten und Funktechnik arbeiten, sind Sicherheitsaspekte von zentraler Bedeutung. Aus diesem Grund existieren spezifische Leitlinien, die die Beleuchtung von Versammlungsstätten, Fluchtwegen und Rettungswegen betreffen. Mindestbeleuchtungsstärken, Umschaltzeiten und Kennzeichnungspflichten gewährleisten, dass die Orientierung auch im Falle eines Stromausfalls möglich ist. Dies impliziert für Crowd-Visuals, dass Showlicht und Wearables die Funktionsfähigkeit von Sicherheitsbeleuchtung, Fluchtwegbeschilderung und Signalanlagen nicht beeinträchtigen dürfen. Hierzu zählt die Einhaltung definierter Blendgrenzen, um die Orientierung des Publikums durch Leuchteffekte nicht zu beeinträchtigen. Ebenso von großer Wichtigkeit ist der Verzicht auf Signalfarben, da diese in Notfallsituationen mit sicherheitsrelevanten Markierungen verwechselt werden könnten. Darüber hinaus ist ein abgestimmtes Krisenkonzept erforderlich, welches die Reaktion von Lichtsystemen im Störfall sowie die Sicherstellung der jederzeitigen Erkennbarkeit sicherheitsrelevanter Informationen regelt.

Präziser, vernetzter, datengetriebener

Crowd-Effekte werden immer genauer und interaktiver. Die jüngsten Generationen von Wearables integrieren Lichttechnik mit Sensorik und Konnektivität. Dies ermöglicht eine differenzierte Steuerung und Echtzeit-Anpassung von Publikumsbereichen, was zu einer optimierten Nutzung und einem verbesserten Erlebnis führt. Gleichzeitig wird die Verbindung mit Internet-Medien, Nachverfolgungssystemen und Audioformaten, die den ganzen Raum umfassen, verbessert. So werden Licht, Bild und Ton besser aufeinander abgestimmt. Dies eröffnet Veranstaltenden und Technikcrews zusätzliche Gestaltungsspielräume, erfordert jedoch auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit Normen, Datensicherheit und barrierearmer Gestaltung.

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