Eigentlich war die Sache als einmaliger Spaß gedacht. Zwei Typen, die seit über zwanzig Jahren Musik machen, der eine tief im Hip-Hop verwurzelt, der andere seit Ewigkeiten im Punk zuhause, wollten endlich mal gemeinsam einen Song aufnehmen. Aus dem “Wir müssten eigentlich mal…” wurde letztes Jahr die EP “Aus heiterem Himmel” und die schlug deutlich größere Wellen, als die beiden vermutlich selbst erwartet hatten.

Statt das Kapitel wieder zu schließen, wurde weitergeschrieben.
Erst sollten es nur zwei oder drei neue Songs werden.
Am Ende stand ein komplettes Debütalbum.
Zum Glück.
“Dreckige Harmonie” macht genau da weiter, wo die EP aufgehört hat, legt aber in jeder Hinsicht noch eine ordentliche Schippe drauf.
Rotziger Punkrock trifft auf Rap-Einflüsse, ohne dass das Ganze nach aufgesetztem Crossover klingt. Hier treffen keine zwei Genres aufeinander, sondern zwei Musiker, die genau wissen, was sie tun.
Vor allem merkt man, dass END & NIK inzwischen als Duo deutlich besser harmonieren.
Die Songs wirken eingespielter, die Produktion ist druckvoller, die Arrangements ausgefeilter und die Ideen mutiger.
Besonders gut stehen den beiden die immer wieder eingestreuten Ska-Elemente. Bläser, Chöre und Offbeats sorgen bei Songs wie “Finger über Kreuz” oder “Last Man Standing” für ordentlich Bewegung in den Beinen und verleihen dem Album genau die richtige Portion Sommerfestival-Feeling, ohne die rotzige Punk-Attitüde einzubüßen.
Los geht’s mit einem herrlich überzogenen Intro. Irgendwo zwischen Marvel-Blockbuster und selbstironischer Superhelden-Parodie werden END & NIK angekündigt, bevor “Halber Star” direkt den ersten Volltreffer landet. Statt Rockstar-Posing gibt’s Seitenhiebe auf Plattendeals, Streaming, leere Kassen und das ewige Musikerleben zwischen großen Träumen und Cornflakes mit Beck’s. Selbstironie statt Selbstbeweihräucherung, genau so muss das.
Mit “Brawo” (Ja die Schreibweise ist beabsichtigt) bekommt anschließend die legendäre Jugendzeitschrift ihr Fett weg.
Statt sich über die Vergangenheit lustig zu machen, feiern END & NIK sie mit einem breiten Grinsen. Wer träumt mit über vierzig schließlich nicht noch heimlich vom eigenen Bravo-Starschnitt?
Auch sonst bleibt das Album angenehm abwechslungsreich.
“Ordnung muss sein” rechnet mit der eigenen Aufräumfaulheit ab, während “31 Sekunden zum Ruhm” seinem Titel alle Ehre macht. Gerade mal 31 Sekunden dauert der Song und nimmt den Streaming-Wahnsinn aufs Korn, bei dem jeder einzelne Klick wichtiger scheint als gute Musik.
Mit “Stück von gestern” folgt dann eine Liebeserklärung an die Platten, die einen geprägt haben. Zwischen Green Days Dookie, Nirvanas Nevermind und einem Augenzwinkern in Richtung Kool Savas wird nostalgisch zurückgeblickt, ohne dabei im Früher-war-alles-besser-Sumpf zu versinken. Stattdessen erinnert der Song daran, warum man sich manche Alben auch nach Jahrzehnten immer wieder aus dem Regal zieht.
Textlich bewegt sich “Dreckige Harmonie” ohnehin ständig zwischen Gesellschaftskritik und Kneipentresen.
Konsumwahn, Schnäppchenjagd, Lügen, Intrigen oder dieses ewige “Haben ist wichtiger als brauchen” – all das bekommt sein Fett weg. Allerdings nie mit erhobenem Zeigefinger, sondern immer mit einer ordentlichen Portion Humor und einem dauerhaft ausgestreckten Mittelfinger.
Und dann wäre da natürlich noch “Wunderschönes Bier”. Jede Punkband braucht ihren Trinksong. END & NIK liefern ihn gleich mit. Zwischen lallenden Liebeserklärungen an den Gerstensaft und der wohl romantischsten gemeinsamen Pinkelpause der Musikgeschichte steckt ein Refrain, der vermutlich schneller auf Festivalplätzen mitgegrölt wird als den beiden lieb sein dürfte.
Zum Ende wird das Album überraschend nachdenklich. “Alles nochmal von vorn” ist eine große Stadionrock-Hymne über das Älterwerden, verpasste Chancen, gute Entscheidungen und die Erkenntnis, dass man am Ende vermutlich doch fast alles genauso wieder machen würde, vielleicht nur ein bisschen langsamer. Ein starker Kontrast zum vorherigen Augenzwinkern und gleichzeitig einer der emotionalsten Momente der Platte.
Den Abschluss bildet “Kein Schnaps im Garten Eden”, bereits von der EP bekannt, diesmal allerdings komplett neu interpretiert. Wo vorher Punkrock nach vorne prügelte, gibt es nun eine ruhige Unplugged-Version mit Mundharmonika, die dem Song eine völlig neue Atmosphäre verpasst und das Album stimmungsvoll ausklingen lässt.
Unterm Strich haben END & NIK genau das geschafft, was man sich nach der starken EP erhofft hatte.
Sie haben nicht einfach mehr vom Gleichen aufgenommen, sondern sich hörbar weiterentwickelt.
“Dreckige Harmonie” klingt größer, runder und mutiger, ohne dabei seinen Charme oder seine Bodenständigkeit zu verlieren. Punkrock, Rap, Ska und jede Menge Selbstironie wachsen hier zu einem Album zusammen, das gleichzeitig zum Mitgrölen, Mittrinken, Nachdenken und Kopfnicken einlädt.
Wer auf ehrliche Musik mit Witz, Haltung und einer gesunden Portion Rotz steht, sollte diesem Album unbedingt ein paar Runden gönnen. END & NIK liefern hier kein kurzlebiges Spaßprojekt mehr ab – sondern ein verdammt starkes Debütalbum.
